Perfektion verlernen

Veröffentlicht am 16. Mai 2026 um 22:58

Warum ich male – Oder: Wie ich lernte, den Perfektionismus zu verlernen

Kennt ihr das? Ihr spürt dieses tiefe, innere Drängen, einfach kreativ sein zu wollen. Tolle Werke zu erschaffen, Farben fließen zu lassen, Welten auf dem Papier entstehen zu sehen. Ich habe das schon immer geliebt. Und trotzdem habe ich mich jahrelang nicht wirklich getraut.

Stattdessen tat ich das, was wir im 21. Jahrhundert wohl alle tun, wenn wir blockiert sind: Ich überhäufte mich mit Art Supplies. Hochwertige Farben, Pinsel, Skizzenbücher. Doch je voller meine Schubladen wurden, desto leerer blieb das Papier.

Ein Blick auf Social Media machte alles nur noch schlimmer. Die „krassen Künstler-Dudes“ dort draußen, die scheinbar mühelos ein Meisterwerk nach dem anderen aus dem Ärmel schütteln, gaben mir den Rest. Ich fühlte mich unfähiger denn je. Mein innerer Perfektionist flüsterte mir ununterbrochen zu: „Du darfst nur Meisterwerke schaffen. Wenn es nicht perfekt wird, lass es gleich bleiben.“

Die Suche nach dem „perfekten“ Moment

Egal, was ich versuchte – nie war ich zufrieden. Lag es an den Zeichnungen? An den Farben? An meinen Ideen? Ich wusste es nicht. Und dann war da noch das ewige Problem mit der Zeit. Ich dachte immer: Zum Malen braucht es Ordnung, absolute Ruhe, Struktur. Erst muss die Arbeit erledigt sein, erst muss der Haushalt glänzen, sonst ist der Kopf nicht frei. Spoiler: Der Kopf ist eigentlich nie ganz frei, und der „richtige Zeitpunkt“? Der kommt sowieso nie.

Oft habe ich aufgegeben. Aber das Schöne ist: Ich kam immer wieder zu meinen Farben zurück. Die Sehnsucht war einfach größer als der Frust.

Abend für Abend: Von Kreisen zu neuer Freiheit

Ich fing an, Kurse zu belegen. Sah anderen Künstlern zu, um zu lernen. Abend für Abend saß ich da und übte – und wenn es am Ende nur das Ziehen von einfachen Kreisen war. Ich wollte lernen, ich wollte verstehen.

Der absolute Wendepunkt kam für mich durch mein Kunststudium bei der SGD. Dieser Kurs hat mir gänzlich die Angst vor dem Versagen genommen. Er hat mir gezeigt, dass Kunst kein starres Regelwerk ist, sondern ein riesiges Spielfeld. Heute springe ich ohne viel Nachdenken in neue Medien, neue Techniken und Darstellungen. Und es ist so unfassbar erfrischend und überraschend, was passiert, wenn man einfach nur anfängt.

Perfektion ist eigentlich ziemlich langweilig. Und es geht gar nicht um das fertige Werk.

Der Prozess gehört nur mir

Ich habe verstanden, dass es nicht primär um das Endprodukt geht. Es geht nicht darum, was man am Ende auf Social Media präsentiert. Es geht um den Prozess. Um das Versenken in die Materie, um die Emotionen, die aufs Papier fließen. Es geht nur um dich und den Moment.

Heute wartet meine Malecke immer einsatzbereit auf mich. Und ich male. Selbst wenn es nur für eine einzige Minute ist. Ich habe gelernt: Je mehr ich male, umso mehr will ich malen – und die Ideen kommen plötzlich von ganz allein. Es entspannt mich tief, wenn sich Farben auf dem Papier begegnen und eigene Welten erschaffen.

Sobald mein Sohn abends schläft, gibt es für mich kein Halten mehr. Ich brauche keinen Fernseher, um abzuschalten. Ich stehe an meinem Maltisch, umgeben von Farben. Das erfüllt mich zutiefst.

Ich bin unglaublich froh und stolz, dass ich mein Hobby nie ganz aufgegeben habe – nur weil andere vermeintlich „besser“ sind. Ich bin von Perfektion weit entfernt, und genau das ist meine größte Freiheit.

An alle da draußen, die auch zweifeln: Schnappt euch die Farben. Fangt an. Scheitert, lernt, lacht darüber – aber malt! Oft entstehen grade dann wunderbare Dinge.


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